Freitag, 21. Mai 2010

Sometimes you can't make it on your own



Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen. Es ging auf und ab. Mal schluchzte er leise vor sich her, mal war gar nichts zu hören, und dann wieder fing es an. Er konnte sich nicht beherrschen und heulte wie verrückt. Es schien alles aus ihm herauszubrechen. Es war richtig laut und schnitt wie ein verschlucktes Messer alles in mir auf. In mir? Bei ihm oder bei mir, das wusste ich nicht mehr. Ich hielt mein Ohr ganz fest an die Tür und spürte den Schweiß zwischen meinem Ohr und diesem alten weißen Lack. Wahrscheinlich ging er in seinem Zimmer auf und ab. Dann war es wieder leise. Ganz lange ganz leise. Nur die Vögel draußen im Garten waren zu hören. Ich konnte mich immer noch nicht von der Stelle bewegen. War so sehr in meinen Gedanken verloren. Wäre peinlich, wenn er jetzt die Tür aufmachen würde und seine Vermieterin hier so sehen würde. Nicht auszudenken. Ich wollte den Wäschekorb wieder nehmen und zur Wäschespinne gehen. Komisch. Dieser Weg durch den Keller bis in den Garten… Warum kam er mir vor wie ein unendlich langer Weg? Ich dachte an meinen Vater. Unwillkürlich. Und da war es wieder, dieses verschluckte Messer. Ich drückte mein Ohr noch fester an die warme nasse Tür. Er muss eingeschlafen sein. So leise war es hier noch nie. Ich wollte hier nicht mehr weg. Für immer und ewig verbunden bleiben. Diese Musik aus seinen Kopfhörern schien ihn wohl nicht mehr zu erreichen. Ich spürte mein Herz klopfen und stellte die Lautstärke der Vögel da draußen und das Lied nebenan auf unendlich laut. So konnte alles kommen. Und alles gehen. Und es war eine Weile sehr in Ordnung für uns alle

* * *

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ist das schon geteilter Schmerz? Muss der andere es nicht auch wissen? Es würde ihm sicher gut tun. Nur wie überwindet man die Barriere zu ihm...? Und schon wieder ist die Kommunikation das Problem...
Diese Geschichte ist jedoch ein gutes Beispiel, wie 'aktive Schmerzteilung' beginnen kann...DANKE!

Anonym hat gesagt…

Was für'n Hammer Song! Hab ich noch nie so intensiv wahrgenommen und in mich aufgenommen...

Anonym hat gesagt…

Wie tröstlich, dass es Menschen gibt, die sich wirklich für den Schmerz des Anderen interessieren...
Und wieviel Schmerz passt in ein Herz rein, bevor es zwingend notwendig wird, den Schmerz zu teilen...?
Und wie interessant, das immerwährende Verlangen nach Unendlichkeit:"Für immer und ewig verbunden bleiben"...und das menschliche Unvermögen...

Anonym hat gesagt…

Wenn das Herz zerbricht dann sind die Wunden so stark das viele Menschen daran zu Grunde geht.

Deshalb immer mit Sorgfalt mit den Gefühlen anderer Menschen umgehn. Je Nähe die Person einem steht um so gefühlsamer mußt du sein Peter.

Und nicht wie der Elefant im Porzelanladen sein.

Halt den Ball immer flach.

Viktor hat gesagt…

Merkwürdige Story... Peter, wenn ich deine Sachen lesen, denke ich, du schreibst über dich selbst, bin dann abern doch ziemlich irritiert..